Schwimmbad
Junimonate von 1984 bis heute, mit inneren & äußeren Gewittern
Es war Juni. Der zwölfte, vierundachtzig. Erinnerst du dich? Wir waren baden im Schwimmbad. Viele tragen Frottee, nicht als Handtuch – am Körper.
Sobald eine Frotteebadehose nass geworden ist, wirklich nass, muss ihr Besitzer in der ständigen Angst leben, dass sie ihm jederzeit vom Hinterteil rutscht. Dir ist das aber egal! Zum Schwimmen bist du ohnehin viel zu klein und noch meilenweit entfernt vom Seepferdchen, auch wenn das so vortrefflich zu deiner orangen Frotteehose passen würde. Könntest du bereits schwimmen, dann schwömmest du vergnügt quietschend deiner Badehose davon. Sie würde dir erst traurig hinterherwinken und danach langsam, aber stetig versinken. Hinab in das strahlende Türkis, das Trübsal nicht duldet.
Aber wir schwimmen ja noch nicht: Wir planschen. Und rutschen.
Wir rutschen, so gut und weit es mit der Frotteebadehose geht; denn die schubbert und stoppt. Wir rutschen dennoch den Stoff an den Pobacken platt. Es riecht nach Limo – Orange –, jemand hat sie aus Versehen ins Becken gekippt. Chlorangenduft für fünf Sekunden. Wir rutschen, als gäbe es kein Morgen ins Chlorangennass hinein. Wir haben Spaß! Denn wir fühlen uns im Schwimmbad zuhausiger als irgendwo.
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Es ist Juni. Mal wieder. Der fünfte, achtundachtzig. Erinnerst du dich? Das orange Ding ging beim Umzug verloren; das ist schade und schön. Denn der neue Badeanzug ist so viel hübscher – eine Badehose mit einem Oberteil dran! Blau-weiß dünn geringelt, mit Seesternen in rosa, grün, gelb und rot. Du fühlst dich in dem Anzug erwachsen.
Erwachsener als Kathi1, die auch in diesem Jahr nur in knallgrüner Badehose rumrennt. Mit ihren kurzen braunen Haaren und den stämmigen Beinchen sieht sie glatt aus, als wär sie ein Junge. Bis sie ein Junge beschimpft: »Haha, du hast ja nen Busen!« Dabei sind wir für sowas noch viel zu jung. Wohl aber alt genug, um zu spüren, dass dieser Satz bös war. Busen ist ein Schimpfwort – oder zumindest ein komisches. Etwas, womit wir nichts zu tun haben wollen. Noch nicht.
Es war das letzte Mal, dass wir gemeinsam im Schwimmbad waren, Kathi und ich.
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Im selben Juni will ich wieder hin. Aber nicht allein! Zusammen ist so viel lustiger. Kater F.2mitnehmen geht aber nicht. Wenn man nur lang genug an die Mama hinquengelt, kommt sie zum Glück mit. Einmal wenigstens.
Um nicht allein ins Becken zu müssen, nehm ich die Barbie mit. Ein anderes Mädchen reißt sie mir weg. Ich krieg Panik, brülle, Mama kommt. Einmal kommt sie ans Wasser. Aber wie immer nicht rein. Mütterlich ernster Respekt vom Beckenrand reicht aber schon, und die Rüpeline reicht mir die Barbie widerwillig zurück. Ich werde die Geschändete nie wieder so mögen wie früher. Auf der Verpackung der hübschen, weißblonden Puppe im Badeanzug steht nun: »Dein Lieblingsort ≠ sicher.«
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Juni.
Juni! Kein Schwimmbad am neuen Ort. Dort wär zwar die Donau, aber Kinder dürfen nicht rein. Nur Hunde dürfen das; die Logik erschließt sich mir nicht ganz. Umständlich lange fahren wir zu einem Ding, das sie »Baggersee« nennen. So schaut es auch aus, nach Baustelle, trostlos ist es da. Nur Geruch von Staub, Stein und Algen – keiner von Pommes. Kein Sprungbrett. Kein Nichts.
Das erste Mal schlitze ich mir beim Einstieg in ein Nichtschwimmbad etwas an meinem Körper auf. Es wird nicht das letzte Mal sein.
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DIE NEUNZIGER SIND DA!
Nichts lässt dich so glücklich, frei und erwachsen fühlen wie deine Dauerkarte fürs Schwimmbad. Wir wohnen jetzt in der Stadt; sie ist nur ganz klein. Aber das ist ganz gut: Denn in fünf Minuten, davon drei stetig bergab, sind wir mit dem Rad im Schwimmbad. Du fährst ständig hin.
Allein | Mit Steffi | Und mit etwas Glück sind die süßen Jungs da! Es gibt ihrer mindestens zwei: Einer für Steffi. Einer für mich. Wir tun nicht länger so, als fänden wir Jungs doof, nur höchstens ein bisschen [wir nennen das »flirten«]. Doch egal, was du auch machst – du angelst dir keinen.
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Ein Juni
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nach
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dem
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anderen
führt dir vor Augen, dass mit dir was nicht stimmt: Einen Freund ham jetzt alle, zumindest die meisten. Einen Busen ham die; daran wird es wohl liegen. Trotzdem liegst auch du wie ein dünnes Sirenchen am Beckenrand. Bäuchlings, Kopf an Kopf mit Steffi, zum Plaudern, Beobachten & Kichern. Steffi erhebt sich. Ihr Abdruck: Zwei Kreise, rechts und links von den Rippen. Steffi grinst. Als sie stolz rumschaut, wie um sich den gebührenden Applaus zu holen, malst du schnell mit nassen Fersen zwei Kügelchen da hin, wo deine sein könnten.
Es wird nie was werden mit dem C-Körbchen.
Und auch auch nicht mit Christoph.
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Wir sind Studentin. Du hasst es, zu baden. Obwohl du doch schwimmen und Schwimmbäder so liebst!
Kommilitonen wohnen in den Wonnemonaten am See. Recht haben sie!
Ich fühle mich lieber schlecht.
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Wir ham endlich nen Freund. Den ersten. { Schön ist er nicht, aber halt da. }
Obwohl wir einen ganzen Sommer zusammen sind, schaffen wir es kein einziges Mal, mit ihm schwimmen zu gehen. Wir gestehen ihm, dass wir uns schämen. »Wegen deiner kleinen Brüste?«, lacht er uns laut aus. Wir erinnern uns daran, dass das [ja auch] ein Problem war. Heute fühlen wir uns lieber mit 50 Kilo zu fett.
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Erwachsen. Ohne die Liebe eines Mannes, aber mit mehr für uns selbst: An einem Junitag erobere ich uns das Schwimmen zurück. Wir schwimmen fast einen Kilometer am Stück. Mir doch egal, was andere denken; sollen sie halt ihre Köpfe verrenken! Wie und ob sie mich finden, kann ich nicht sehn – ich will nicht mit Kontaktlinsen ins Wasser gehn. In einen Mantel aus softer Mittelblindheit gekleidet gibt es nichts mehr, das uns länger das Schwimmbad verleidet.
Wir warn manchmal am See, der war ok.
Kein einzig Mal Schwimmen in wilden Gewässern endet nicht damit, dass wir uns schneiden wie an Messern.
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»Kommen Sie raus!«, winkt die Frau im Rettungs-Badeazug am Beckenrand. »Ein Gewitter zieht auf!« Es ist Juni, mal wieder. 202X.
Über meine Figur oder Jungs [mittlerweile Männer], mach ich mir schon lang keine Gedanken mehr. Es geht nur ums Schwimmen, um den Geruch von Chlor und das türkisweiße Glitzern.
Schwimmen ist meine Meditation – im Wasser kann ich manchmal den Weltfrieden spüren.
Etwas wie Heimat, die sich sonst nirgendwo findet.
Etwas wie Kindheit, die nie wirklich da war.
Auch wenn Pommes, Chlor und Sonnencreme mit ihrem Duft tun, als erinnerten sie daran.
»Kommen Sie endlich raus!«, wedelt die blöde Kuh nun wilder herum. Ihre Stimme und Wedelhand weit energischer als das freundliche Grummeln am Himmel. Während das vermeintliche Gewitter langsam anrollt, müssen wir alle prontissimo raus. Als Letzte sag ich dem Türkisglanz Adé.
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🌩️ GEWITTER
entstehen, wenn sich unterschiedliche Luftmassen treffen. In Junimonaten treffen sie sich am liebsten über Badeorten. Sie folgen dem kosmischen Gesetz WIE OBEN, SO UNTEN. Denn was da fuhrwerkt und schwimmt in den Becken, sind emotionale Kriege: Aus Lust und Scham, Freude und Fauxpas’. Sämtliche Widersprüche sind sorgsam in unaufhörlich dehnbares Textil gepresst.
Manche trifft es mehr, mannche weniger: Die Bierbäuchigen mit zehnmal mehr Umfang strecken ihre Plauze stolz raus. Da kommen keine Lovehandles mit; die verstecken sich immer noch in der H&M-Umkleidekabine und überlegen immer noch, ob sie so unter Menschen gehen können. Stoisch stehen die Plauzen am Beckenrand, Schatten werfend wie jahrhundertalte Eichen. Gemütlich kratzt sich manch einer am Arsch. Auch in ihnen tobt es, natürlich, doch merkt man es nicht. Wir überspielen es alle, so manche hinter verspiegelten schwarzen Brillengläsern.
Ich kann gar nicht so viel weltfriedenspürend schwimmen, dass ich das ausgleichen könnte.
Denn auch ich trag dazu bei: Mit der Spannung in mir. Im Wasser. Im Himmel.
Wer das lösen kann? Kinder: Denn die bestehen nur aus Freude und Eiscreme im Bauch.
/ Ich will meine orangefarbene Badehose zurück!3 /
Alle Namen wurden geändert bzw. getauscht. Eine Kathi und diverse Steffis gab’s später durchaus in meinem Leben, aber wir wollen hier ja niemandem außer mir zu nahe treten.
Miss you, F.! ♡
Es gäbe die süßesten Photos der Welt aus den Achtzigern im Schwimmbad. Aus Respekt mir als Kind gegenüber zeige ich jedoch grundsätzlich keine Kinderphotos im Netz.
Stell es Dir so vor: Im ersten Schwimmbad überall Birken. Und zwischendrin eine so schnell herumflitzende Miriam, dass die Kamera kaum hinterherkommt. Die orangene Badehose ist echt. Ein schickes Goldkettchen um den Hals mit einem Patronus-Anhänger übrigens auch.
Das zweite Schwimmbad – mit Kathi und der Barbie – war ein überaus weitläufiges. Mit gewaltiger Fressbude, für das Kathi und mir immer das Geld gefehlt hat, dass wir einfach die Pommes vom Boden aufgeklaubt und gegessen haben. Als ich das als Erwachsene meiner Mutter erzählt habe, ist ihr fast das Herz gebrochen. Natürlich hätte ich die zwei Mark dafür bekommen!
Das Schwimmbad meiner Jugend lag direkt an der Donau; was es da an Mücken gab, willst Du Dir nicht ausmalen. Und die Grausamkeit der damaligen Bademode der Neunziger auch nicht: Denn da war ein frottee-ähnlicher, gerippter Strech-Stoff wieder da. Aber diesmal in neonpink.
Dieser Test entstand im Rahmen der Juni-Challenge 2026 der Deutsche Erzählschmiede. Thema: Vor, während und nach dem Gewitter




Schön!😻
Wundervoll liebe Miriam. Du hast auch in mir so viele Erinnerungen geweckt. Deine Sprache ist so nah und eindringlich, dass man fast meint das Chlor und die Pommes zu riechen und das Geschrei der Kinder zu hören.
Danke für diesen Ausflug in Kindheit und Jugend…in den Juni des Lebens.
Schön, dass du bei unserer Challenge dabei bist